Erfahrungsberichte
Wie eine Frau den Quadrinity Prozess erlebt hat
Agonie und Ekstase
(Ein Bericht aus der englischen Zeitschrift ?Wave? von Emma Amyatt-Leir
Der Hoffman Quadrinity Prozess: ?Wandlung geschieht.?
Ich halte mich gerne für ein liebevolle, freundliche und einfühlsame Miezekatze, doch zumeist gleiche ich eher einem Stachelschwein, wenn ich mich mit einer stacheligen und abwehrenden Schale so gut wie möglich schütze. Am Tag als ich in Florence House in Seaford ankam, um den Hoffman Quadrinity Prozess zu machen, waren die Stacheln aufgerichtet. Erschöpft und fertig mit der Welt war ich bis zwei Uhr morgens auf gewesen, da ich neun Tage lang von meinem Zuhause, meinem Büro, meiner Tochter, meinem Telefon und meinen Emails weg sein würde. Und das alles nur wegen eines dummen Versprechens, über den Quadrinity Prozess in der Zeitschrift ?Wave? zu schreiben.
Was ich aus den Vorbereitungsarbeiten wusste: Bob Hoffman fing vor mehr als dreissig Jahren an, solche Seminare abzuhalten ? als Möglichkeit, unseren tiefgründigen Schmerz zu verwandeln. Seiner Meinung nach entsteht dieser Schmerz aus dem, was er Negative Liebe nannte. Als Neugeborene brauchen wir eine kontinuierliche Form von bedingungsloser Liebe, die uns unsere Eltern nicht geben können, weil sie auch nur Menschen sind. Also fühlen wir uns innerlich verlassen und beginnen, unsere Eltern emotional zu kopieren, um sie wieder für uns einzunehmen. Als Erwachsene können wir dann nicht wirklich Liebe geben und nehmen, sondern schalten auf Autopilot und finden uns darin wieder, die negativen Muster unserer Eltern entweder eins zu eins zu leben oder in der Rebellion das Gegenteil zu versuchen. In keinem von beiden können wir ganz uns selbst sein.
Ich glaubte, ich hätte alles gesehen
Das war alles sehr interessant. Doch ich war immer noch nicht wirklich für die Arbeit motiviert ? trotz der beeindruckenden Kurskosten (die manche Leute damit begründeten, dass sie dem Aufwand für ein Jahr Therapie entsprechen, aber persönliche Veränderung im Gegenwert von drei Jahren Arbeit bringen würden). Ich hatte so viele Seminare besucht, dass ich glaubte, ich hätte schon alles gesehen: Überlebenstraining, Landmark Education, Geldsemianre, Sexseminare, Fasten, Mantrasingen, Schweigen, Schamanische Seelenreisen, Seelenchirurgie ohne Zunähen ? da gibt es keine Ecke in mir, die nicht zerlegt, analysiert, beweint und ein bisschen verbessert zurück in den Alltag geschickt worden wäre. All diese Erfahrungen waren von grossem bis sehr grossem Wert. Doch nach fünfzehn Jahren Selbsterfahrung hatte ich nicht nur eine neue Bluse, sondern ein komplett neues Kostüm bekommen.
Ich kam spät an, konnte das Haus nicht finden und landete in jemandes Küche, nur um festzustellen, dass ich genau am richtigen Ort war. In meinem warmen, sauberen und hübschen Zimmer traf ich eine weinende Zimmergenossin an, weshalb ich mich beeilte, mich den anderen zwanzig aufgewühlten Seelen anzuschliessen, die auf bequem anmutenden Sofas Vereinbarungen unterzeichneten, die Arbeit nur für private Zwecke zu nutzen. Ich nahm die Gruppe in Augenschein. Eine piekfeine Dame in Designerklamotten, ein langhaariger, höchst attraktiver Archäologe von der Sorte ?scher dich zum Teufel?, einige Mütter, ein paar Geschäftsleute. Schnell hatte ich herausgefunden, wer Freunde von mir werden könnten und wen ich meiden würde.
Wir versammelten uns in einem grossen, hellen Raum und bekamen Arbeitsunterlagen. Vier Begleiter, auch Lehrer und Lehrerinnen genannt, waren anwesend: ein gross gewachsener, weiser und einfühlsamer Amerikaner, ein jungenhafter Engländer, eine hauptberufliche Therapeutin aus Australien und ein älterer Herr, der uns ziemlich schamlos wissen liess, er sei ein Alkoholiker auf dem Weg der Gesundung. Ich entschloss mich, ihn zu ignorieren. Ich bekam die Australierin als persönliche Begleiterin zugeteilt. Sie schickte mich auspacken und nahm sich später Zeit für ein Einzelgespräch.
Ich wartete 25 Minuten in der Kälte, um sicherzustellen, dass ich zu diesem Einzeltermin nicht zu spät kommen würde. Ich dachte, man würde mich für das, was ich tat und sagte, ohne weiteres als etwas Besonderes erkennen. Die Begleiterin stellte mir Fragen zu den vielen Seiten umfassenden Vorarbeiten, die ich bezüglich meiner Eltern gemacht hatte, über meine Erfahrung mit meinem Zwillingsdasein als Kind und wie meine Kindheit ansonsten gewesen war. Sie machte Notizen wie ?unverstanden? oder ?bedürftig? und fragte, ob dies zutreffende Bezeichnungen seien. ?Unverstanden? klang irgendwie toll und so ein bisschen nach James Dean. ?Bedürftig?, so teilte ich mit, fände ich ekelhaft, ich könnte es bei mir und anderen nicht ausstehen. Also schrieb sie ?bedürftig? in grossen Buchstaben auf eine Karteikarte und sagte mir, dieses Muster stünde mir im Weg, wenn ich wirklich ich selbst sein wollte. Wenigstens hatte sie nicht ?eingeigelt? hingeschrieben. Die Morgendämmerung am Samstag war die erste, die ich seit langer Zeit gesehen hatte. 7.30 Frühstück, erste Aufgaben zum Tag, die um 7.45 gegeben werden. Und Sitzungen ? ein Stundenplan bis um 11.00 abends. Was würden sie uns nur in all der Zeit zu tun geben?
Raus ist mittendurch
Die beiden folgenden Tage waren damit ausgefüllt, in die Aspekte unseres inneren Kindes einzutauchen, die nicht therapiert, unvernünftig und wütend sind, und damit, Klage zu führen über unsere Eltern. Das war hart, da ich ein sehr rationaler Mensch bin und dachte, ich hätte meinen Eltern alles vergeben ? nun ja, ha, ha. Die eingesetzten Techniken waren brilliant und entdeckten alle möglichen Arten von verborgener Wut und unterdrücktem Schmerz aus meiner Kindheit, alles Dinge, die mich buchstäblich immer noch lahm legten. Es gab zwei kathartische Tage, in denen ich eine Menge tief vergrabener Gefühle loslassen konnte. Es kamen alle Arten von geführten Bilderreisen zum Einsatz, bestimmte Formen auch intuitiven Schreibens, Zeremonien und Körperarbeit, die uns an einen Ort physischer und emotionaler Erschöpfung brachten.
Um die Wahrheit zu sagen: Es war keine schöne Erfahrung. Alle Hilfsmittel, mit denen ich sonst dem Schmerz auszuweichen pflegte, waren nicht verfügbar. Wir durften keinen Alkohol trinken, keine Drogen nehmen, keinen Sex haben oder die subtileren Tricks einsetzen wie zu beschäftigt zu sein, um irgendetwas zu fühlen, uns überarbeiten, anderen helfen, sich zwanghaft verschönern oder joggen gehen. Am Morgen des fünften Tages hätte ich alles getan, um die quälenden, deprimierenden und bleischweren Gefühle im Körper und in der Seele zum Verschwinden zu bringen. Bei der morgendlichen Einzelbegegnung mit meiner Begleiterin sagte ich: ?Ich kann nicht weiter machen, es ist zuviel, ich halte es nicht aus.? Meine Begleiterin antwortete: ?Der einzige Weg da raus ist der mittendurch. Du bist am genau richtigen Ort,? und führte mich in den nächsten Prozess im Prozess. Bis zum Ende des darauffolgenden Abends war ich aus der tiefsten Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit bis an den Punkt gelangt, an dem ich zusammen mit der ganzen Gruppe ? nun alles meine liebsten Freundinnen und Freunde ? im Kreis stand und Lou Reeds ?Perfect Day? mitsang. Der Prozess hatte sich um einhundertachtzig Grad gedreht und nach all dem Elend wurden wir durch eine erhebende Erfahrung nach der anderen geführt. Ich konnte mich wirklich an mir selber freuen und fühlte mich frei von dem Zwang, stets erwachsen, sensibel und überlegen zu sein. Tag 6 war der glücklichste Tag in meinem Leben, mal abgesehen von dem Augenblick, in dem ich meine Tochter zum ersten Mal als Baby auf den Armen hatte und ihr in die Augen sah.
Der Schlüssel zu meinen Gewichtsproblemen
Nachdem wir uns ausführlich mit den Eltern befasst hatten, war es nun an der Zeit, den Blick nach innen auf uns selbst zu richten. Dabei ging es um die vier Aspekte von uns, um unsere Quadrinität. Sie besteht aus unserem Körper, unserem emotionalen Selbst, unserem intellektuellen Selbst und unserem spirituellen Teil. Der Part des Körpers ist der einfachste: Wir wissen, dass er im Prizip da ist, aber oft ignoriert und missbraucht wird. Als ich diesen Aspekt meiner Quadrinität näher untersuchte, konnte ich ihm wirklich zuhören und dabei erfahren, dass er keineswegs mit all dem zur Verfügung stehenden wunderbaren Essen vollgestopft werden wollte ? der Schrei danach stammte aus meinem bedürftigen emotionalen Teil. Hier fand ich schliesslich den Schlüssel zu meinen Gewichtsproblemen. Mein Itellekt und mein emotionales Kind haben sich lange in meinem Kopf bekämpft.
Sie zanken sich folgendermassen:
Emotionales Kind:
?Ich langweile mich. Lass uns ausgehen und Spass haben.?
Intellekt:
?Nein, es gibt Arbeit, die erledigt werden muss.?
EK:
?Nun, ich bin hungrig, in der Küche hat es Doughnuts.?
I:
?Du wirst dick werden, oder sollte ich sagen - noch dicker!?
EK:
?Aber wir haben die ganze Woche nur gearbeitet. Wir sollten uns etwas Gutes tun.?
I:
?Also gut, einen Doughnut.?
Zwei Stunden später...?Schau dich an, du fette Sau, du hast soviel gegessen, wie soll dich irgendjemand lieben, wenn du dich jeden Tag vollstopfst!? Sie waren heimtückisch, die beiden. Jetzt nach 35 Jahren ständigen Kämpfens sind sie es nicht mehr, sondern sind endlich die besten Freunde. Das bedeutet praktisch, dass die Arbeit in der vergangenen Woche trotz doppeltem Arbeitsanfall erheblich weniger stressig war als bis vor dem Prozess. Ich habe mehr Freude mit meiner Tochter; es ist leichter, sich um sie zu kümmern. Ich bin gesünder, und ? hallelujah ? ich nehme ab.
Ich bin liebevoller
Obschon ich also alles ?schon wusste und gesehen hatte?, hat der Hoffman Prozess für mich wirklich funktioniert. Ich glaube, der Erfolg lag darin begründet, dass er die grundlegenden Fragen des Lebens in allen Aspekten angeht. Die Arbeit dauert länger als andere Seminare, und man ist am Arbeitsort untergebracht; man hat nicht einmal die Zeit, zu kochen oder abzuwaschen. Alles, was es zu tun gibt, ist, sich mit sich selbst zu konfrontieren. Bei einem Verhältnis von einem Begleiter pro sechs Teilenehmern gab es auch keine Chance, bei sich wegzuschauen.
Ich fühle mich voller Energie, meine Haut ist besser geworden, sie war stets gerötet, wie rot vor Wut, auch im Gesicht, das wie eine Maske war. Jeder sagt mir, wie anders ich aussehe. Mein Mann hat sich ebenso für den nächsten Termin vom Quadrinityprozess angemeldet wie viele andere Partner der Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus meiner Gruppe. Unsere Partner konnten feststellen, dass wir nicht mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen zurückkamen oder ein seltsames neues Vokabular benutzten oder missionarish geworden waren (na ja, vielleicht en bisschen). Ich bin einfach liebevoller, offener und mitfühlender mit mir selbst und anderen geworden. Ich pflegte ein lachendes Gesicht zur Schau zu tragen und auszusehen wie Strahlemann persönlich, aber ich glaube ich weinte innerlich, ohne es zu bemerken. Jetzt habe ich gelernt, wie ich die Liebe finden kann, nach der ich so verzweifelt gesucht habe: in mir selbst. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, eine Miezekatze zu sein, aber andere Menschen scheinen sie zu mögen, und im übertragenen Sinne werde ich gestreichelt, wo immer ich hingehe.
Wie ein Mann den Hoffman Prozess erlebt hat
Der Mensch im Hoffman Prozess
(Ein Bericht aus der Zeitschrift Esotera von W.M. Harlacher)
?Der Hoffman Quadrinity Prozess ist ... ein mächtiges Werkzeug zur Entfaltung der Liebe für sich und andere.?
Das behauptet niemand Geringerer als der in den USA lebende chilenische Psychiater Claudio Naranjo, Mitautor des als Fischertaschenbuch erschienenen Standardwerkes über ?Die Psychologie der Meditation? und jahrelang Schlüsselfigur am kalifornischen Esalen-Institut, dem Mekka der ?Transpersonalen Psychologie?. Neugierig machten mich jedoch nicht nur diese starken Worte des sonst eher zurückhaltenden Gelehrten, sondern auch eine ganze Reihe weiterer Aussagen bekannter Vertreter der transpersonalen Bewegung sowie persönliche Wandlungsprozesse, die ich im Freundes - und Bekanntenkreis bei Menschen beobachten konnte, die ?den Prozess gemacht? hatten.
Hinzu kam auf persönlicher Ebene, dass ich nach der Aufteilung meiner Tätigkeit in zwei unterschiedliche Arbeitsbereiche mit der Organisation beider Jobs an die Grenzen meiner physischen und psychischen Leistungsfähigkeit geraten war. Scheinbar konnte ich meine eigenen Planziele nur auf Kosten meiner Gesundheit erfüllen - ein, wie sich bei der Arbeit im Quadrinity Prozess herausstellen sollte, vollkommen überflüssiges, auf frühen Prägungen beruhendes ?negatives Muster?.
Und so fuhr ich kurz vor Weihnachten in einen kleinen Ort am Bodensee mit dem beziehungsreichen Schweizer Namen ?Wienacht?, um dort ungeahnte Höhen und Tiefen in neuen Territorien meiner Seele zu erleben. Dabei handelt es sich keineswegs um irgendwelche weltfernen Dimensionen, sondern um die dunkelsten und hellsten Erlebnis - und Seinsbereiche der eigenen Persönlichkeit, durch die jeder Teilnehmer in seinem ganz individuellen Prozess geführt wird. Berg - und Talführer in Wienacht waren vier Therapeuten aus der BRD, Österreich und der Schweiz, genauer eine Frau und drei Männer. Laufen allerdings mussten die zwölf TeilnehmerInnen selbst.
Denn jeder arbeitet mit dem, was er (oder sie) geworden ist und mitbringt. Zauberei findet nicht statt, wenngleich durchaus Wunder geschehen, zumindest gemessen an dem, was mir persönlich nach 36 Lebensjahren, einer Ausbildung als Diplompsychologe, acht Jahren redaktioneller Tätigkeit bei dieser Zeitschrift und transpersonalen Selbsterfahrungsprozessen verschiedener Art bis ?Wienacht? als möglich erschien.
Zur Kartographie der oben erwähnten Persönlichkeitsbereiche liefert Robert Hoffman, der amerikanische Begründer des Hoffman Prozesses, das Modell der Quadrinität (Vierheit) - weshalb der Prozess auch Hoffman Quadrinity Prozess genannt wird. Sie besteht aus dem Körper, dem Gefühl (emotionales Selbst), dem Intellekt (intellektuelles Selbst) und dem spirituellen Selbst. Das emotionale Selbst beherbergt die Gefühlsmuster des Menschen. Da sie nicht nur nach Auffassung Hoffman's den als unausweichlich erlebten Prägungen unserer frühen Kindheit entstammen und auch beim sogenannten erwachsenen Menschen ihrem Wesen nach diesem Stadium der Unreife entsprechen, wird dieser Teil der Persönlichkeit auch als ?emotionales Kind? bezeichnet.
Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein ungezogenes, ?verzogenes?, das heisst vor allem um beständige elterliche Liebe betrogenes Kind; es bringt uns in Schwierigkeiten, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Für die mangelnde Reife dieses Kindes muss der Intellekt in der Beziehung nach innen und aussen ausgleichende Funktionen übernehmen, damit das Ganze, der Mensch, überhaupt lebensfähig ist. Das führt beim intellektuellen Selbst zu verständlichen Missbildungen. Wo ?das Kind? von Gefühlen wie Schuld, Angst, Wut, Rachsucht und ähnlichem geleitet wird, greift ?der Intellekt? scheinbar ordnend, tatsächlich aber nur abwiegelnd (Fachsprache: ?rationalisierend?) ein. Die zugrundeliegenden emotionalen Motive sind ?kindisch?, wohingegen die lebensfrohe ?kindliche? Spontaneität durchaus eine wünschenswerte Eigenschaft des erwachsenen emotionalen Selbst ist.
Das ungezogene Kind und der missgebildete Intellekt formen eine unheilige Allianz, die Hoffman die ?negativ programmierte? oder einfach die ?negative Dualität? nennt. Unbeschadet, wenngleich nicht unverdeckt davon bleibt das spirituelle Selbst, unser vollkommenes Wesen, das der ?spirituellen Lebenskraft und-quelle? oder dem Göttlichen entspringt.
Selbstverantwortung
Als ich mein spirituelles Selbst zum ersten Mals sehe, bin ich verblüfft: Es trägt unverkennbar mein, wenn auch etwas veredeltes Gesicht. Und es begegnet mir, wenn mich nicht alles täuscht, keineswegs als überhöhte Vertretung meines Egos, sondern als strahlende Erinnerung an meine eigentliche Herkunft und Zukunft: Selbst-Verantwortung fordernd und Demut fördernd. Sein Glanz wird allerdings von den zum Teil schon im Mutterleib entstehenden negativen Prägungen (den neurotischen Strukturen) wie ein ?wunderschöner Diamant von einem schwarzen Tuch verhüllt?(Bob Hoffman). Ziel und Aufgabe des Hoffman Prozesses ist es, nach einer Reinigung der negativen Dualität - der Heilung und Reifung von emotionalem und intellektuellem Selbst -, zunächst die Trinität erlebbar zu machen, also das harmonische und gesunde Zusammenwirken der Dreiheit von Gefühlsebene, intellektuellen Fähigkeiten und spirituellem Wesen des Menschen. In einem letzten Schritt werden diese drei zusammen mit dem Körper zu unserer Ganzheit, einer erwachsenen und selbstverantwortlichen Quadrinität verbunden.
Entscheidend in diesem Prozess ist, dass er innerhalb von nur acht Tagen in äusserster Abgeschiedenheit stattfindet, die TeilnehmerInnen keinen Augenblick aus der intensiven Beschäftigung mit sich selbst (oder ihren ?Selbsten?) entlässt und alle Erfahrungsebenen - vom Körper über das Gefühl, den Intellekt bis zur transpersonalen - durcharbeitet. Überdies mündet er in eine von Therapeuten und Prozess unabhängige Form von Selbstverantwortlichkeit (eine echte Gefahr für den Psychoboom !) - wie, wird noch deutlich werden. Über den Ablauf selbst zu berichten, ist die schwierigste journalistische Aufgabe, die mir je begegnet ist. Denn ein Grossteil dessen, was dort passiert, lebt in seiner Tiefenwirksamkeit aus der Unmittelbarkeit der Erfahrung. Meine eigenen Erlebnisse kann ich im Detail also nur insoweit schildern, als sie Menschen, die selbst dieses psychologisch-spirituelle Vollbad nehmen wollen, nichts vorwegnehmen.
Andererseits ist es für das Verständnis des - wie ich es erlebt habe - kaum Vorstellbaren nicht sehr hilfreich, den Methodenkatalog herunterzubeten, der da Verwendung findet: Verhaltenstherapie, Psychodrama, Gestalt, Trancetechniken, aktive Imagination... Denn selbst für den Fachmann, der solche Techniken innerhalb der zugehörigen therapeutischen Systeme praktiziert, muss ohne eine direkte Erfahrung unbegreiflich bleiben, dass der Quadrinity-Prozess eine vollkommen eigenständige Ganzheit bildet und in unglaublich kurzer Zeit umfassend wirkt. Das tat er jedenfalls bei mir - und bei den elf anderen ?Wienachts"-Männern und -Frauen, die sich zum ?Stelldichum? am Bodensee trafen.
Das soll nicht heissen, dass jeder dasselbe erlebt. Wo der eine am entsprechenden Meilenstein seines Lebensweges vielleicht erst einmal die Seinserfahrung ?Ich bin ganz und ich bin ich? macht, erfährt sich der andere womöglich in einem Erleuchtungserlebnis als Teil des Göttlichen. Schichtenspezifische ?Vorbehalte? kennt der Hoffman Prozess ebensowenig wie emotionale oder intellektuelle Bedingungen ?ohne die nicht?. Neben mir sitzen ein therapeutisch ausgebildeter Psychiater, eine Strassenbahnschaffnerin, ein Naturwissenschaftler... und jedem gelingt es auf seine eigene Weise, im Kontakt mit den Innenwelten durch den Prozess hindurchzufinden. Jede(r) wird dort abgeholt, wo sie oder er steht und entfaltet sich zur Ganzheit mit unterschiedlichen Akzenten innerhalb der schon beschriebenen Persönlichkeitsbereiche, die uns allen zu eigen sind.
Negative Liebe
Das beginnt mit einem Frontalangriff auf das ?negative Liebessyndrom?. Dieses Syndrom - ein vielfältiges Zusammenwirken leidvoller und unreifer Gefühls- und Verhaltensmuster - bildet das schwarze Tuch, das den reinen Diamanten des spirituellen Selbst verhüllt. Es entsteht durch ?negative Liebe?, wie Hoffman die zugrundeliegende psychologische Struktur nennt, die er als ?Verbrechen gegen die eigene Menschlichkeit? brandmarkt.
Im Klartext: Da wir alle (Ausnahmen bestätigen die Regel) unter den gegebenen kulturellen Bedingungen von Mama und Papa keine uneingeschränkte Liebe bekommen haben, haben wir bestimmte negative Muster entwickelt, um uns - selbst nach dem Motto: lieber Schläge als gar keine Zuwendung - Aufmerksamkeit zu sichern, als wir sie so dringend brauchten wie die tägliche Nahrung: ganz früh in unserem Leben.
Wir haben, um geliebt zu werden, negatives Verhalten unserer Eltern entweder übernommen (?Ich bin genau wie du, liebst du mich jetzt??) oder dagegen rebelliert oder beides zusammen. Unausweichliche Konflikte sind die Folge. Aus diesen drei Grundformen der Reaktion auf mangelnde Liebe entsteht ein Geflecht von negativen Mustern, von denen ich bei mir selbst in sieben Tagen an die zweihundert ausmachen konnte - und das sind sicherlich noch nicht alle! Und, so der Leiter des Teams am Bodensee, Jochen Windhausen: ?Jedes Muster frisst ein Stückchen Leben!?
Der Catch 22, der unüberwindbare Trick bei diesem Spiel von ungezogenem Kind und missgebildetem Intellekt (der negativen Dualität) ist, - solange wir ihm ausgeliefert sind -, dass sogar das spirituelle Selbst nicht besser sein darf als der Meister der negativen Liebe. (Jeder von uns bringt es darin zu unterschiedlicher Meisterschaft, die je nach Ausprägung ein angepasstes Alltagsleben oder eine Ausgrenzung in Psychiatrie und Gefängnis mit sich bringt.) Deshalb hängt die negative Dualität dem strahlenden Selbst das schwarze Tuch um; und die Sicht auf's Licht bleibt (von einigen sich intensiver Übungen unterziehenden Auserwählten) im allgemeinen zeitlebens verstellt - es sei denn...
Die erste Phase im Prozess ist daher der Konfrontation mit eigenen, das heisst von den Eltern übernommenen Muster gewidmet. Es gibt keine Ausflüchte. Jedes ?aber? fördert ein neues Muster zutage. Bin ich unpünktlich, folgt mit Sicherheit die Frage: ?Wer war zu Hause unpünklich, Mutter oder Vater?? Die Spur führt weit zurück. Akzeptiere ich die Grundaussage des Hoffman'schen Systems (die es mit anderen spirituellen Weltsichten gemeinsam hat), dass wir einen freien Willen haben und Gestalter unseres Schicksals sind, muss ich sogar bei ?Schicksalsschlägen? erkennen, wie ich durch das mir eigene und aus ?gutem? Grund entstandene Muster der Selbstzerstörung geistig dazu beigetragen habe. Das gilt sogar für scheinbar zufällige Ereignisse wie in meinem Fall einen Frontalzusammenstoss mit einem Geisterfahrer. Einsichtiger noch ist das bei den Unfällen, die ich selbst verursacht habe...
Es gibt buchstäblich keinen Lebensbereich, der nicht von den elterlichen Vorbildern gerastert ist: Beziehungen, Sexualität, Berufsleben, Hobbys, Spiritualität... Selbst bei der Entscheidung für die mir heiligen und höchsten Dinge im Leben - beispielsweise, die vierzigtausend Jahre alten spirituellen Praktiken des Schamanismus als Orientierungshilfe auf meinem Weg zu wählen - haben mir die Auswirkungen des negativen Liebessyndroms einen Streich gespielt. Ich begreife plötzlich den Zusammenhang zwischen manchen Trance- und Ekstasetechniken dieser Systeme und meinem eigenen Hang zu vom emotionalen Kind provozierten Zügellosigkeiten, die das intellektuelle Selbst dann auch noch spirituell verbrämt! Mit Askese gelingt ihm das in anderen Fällen sicher genauso mühelos.
Vulkanische Reinigung
Das heisst wiederum nicht, dass ekstatische oder asketische spirituelle Wege nichts taugen! Oder dass jeder sein Leben nach dem Prozess grundlegend ändern müsste! Es bedeutet jedoch, dass wir uns für so gut wie nichts im Leben aus freiem Willen entscheiden, solange der Dämon der negativen Liebe nicht ausgetrieben ist! Und das tut der Quadrinity-Prozess in einem weiteren Schritt gründlich. Nach einer Anklage beider Elternteile, wie sie keiner von uns vorher wagen oder führen hätte können, kommt es unter Einsatz aller körperlichen und seelischen Kräfte am zweiten und dritten Tag zu einer Reinigung vulkanischen Ausmasses. In ihr verschwindet der in Negativität und Kränkung festgehaltene sado-masochistische Selbsthass. Ob sie vollständig gelungen ist oder nicht, wird für jede(n) individuell nachvollziehbar geprüft. Jede(r) arbeitet so lange weiter, bis das Unbewusste unmissverständlich zeigt, dass der entsprechende Prozesschritt vollzogen ist. Obwohl ich schweissüberströmt und völlig heiser bin, ist das Ergebnis nicht totale Erschöpfung, sondern ein Gefühl von bis dahin nicht erlebter innerer Freiheit.
Während dieser Phase des Durchgangs durch die seelischen Schattenreiche kommt jedoch auch die Verbindung zu den lichtvollen Dimensionen nicht zu kurz. Immer wieder wird mit ganz einfachen, spielerischen Techniken Kontakt zum spirituellen Selbst und zu so etwas wie einem inneren Helfer, dem spirituellen Führer oder der spirituellen Führerin, aufgenommen. Was, so einfach soll das sein? Ich kann es kaum glauben. Alle komplizierten Vorstellungen über langwierige, übungsintensive und steinige Pfade zu lichtvollen Erfahrungen brechen bei mir schon in den allerersten Tagen zusammen. ?Christliches Weltbild oder kalifornischer Eintopf?? zweifelt mein in jahrelanger Beschäftigung mit spirituellen Wegen geschärfter, misstrauischer Intellekt. Nein, die Erfahrung ist ganz und gar wirklich, und der Widerschein des Lichts liegt auch auf den anderen Gesichtern. Am Ende des Prozesses erkenne ich vor meinem inneren Auge gar den Lichtring wieder, den ich zuletzt vor vielen Jahren während einer einjährigen harten Übungspraxis in einem Aschram erlebt hatte. Die reinigende Explosion der Anklage ist indes nur ein erster Schritt auf meinem Klettersteig zur Selbstbefreiung und Selbstgesundung. Denn sie schafft die Voraussetzungen, die Öffnung für das spätere Erlebnis einer kraftvollen Eigenständigkeit, mich - aus freiem Willen - mit meinen Eltern auszusöhnen. Folgerichtig führt der Weg zum Licht im Hoffman Prozess über die Verteidigung der Eltern, die der darauffolgenden Versöhnung und dem dabei entwickelten Mitgefühl und Verständnis vorausgehen muss. Hoffman nennt es die tiefe ?Empfindung von Mitgefühl, Vergebung, Verständnis ohne Verurteilung und des Annehmens der Kinder, die unsere Eltern waren?.
Diese Verteidigung ist jedoch nicht möglich, ohne dass wir wirklich vor uns sehen und zutiefst nachfühlen, was unsere Eltern als kleine Kinder tatsächlich erlebt haben! Das Wenigste davon wissen wir aus ihren Erzählungen. Die Dinge, die ich und, wie ich später höre, auch die anderen bei diesem Prozess der Rückschau in die Kindheit unserer Eltern erfahren, sind das Ergebnis einer Form des intuitiven Schreibens, die sich in der Genauigkeit ihrer Aussagen aus einem sehr einfachen Sachverhalt erklärt: Da wir am Ende der Kette sind, auf die wir zurückschauen, in die wir mental und medial hineinhorchen, verfügen wir über alle wesentlichen Informationen, die wir brauchen. Am Ende dieses Prozesschrittes steht ein umfassendes Verständnis für die Kinder, die unsere Eltern einmal waren. Dieses Verständnis bildet die Basis für den letzten grundlegenden Schritt des Quadrinity-Prozesses: Die ?negativen? Eltern unserer Kindheit mitfühlend loszulassen und uns mit unserer Herkunft zu versöhnen - seelische und spirituelle Voraussetzung für eine eigene Gegenwart und Zukunft.
Das System leistet, wie Langzeituntersuchungen zeigen, Hervorragendes, sowohl im Umgang mit schwierigen neurotischen Störungen als auch mit der ganz alltäglichen Selbstentfremdung des ?psychologischen Otto Normalverbrauchers?.
Wirkliches Mitgefühl
In der Verteidigung der Eltern wird erlebbar, dass die Wahrheit einmal mehr zwei Seiten hat. Denn die zwanghafte Übernahme selbst positiver Muster kraft negativer Liebe macht diese durchaus guten Eigenschaften potentiell zum Fluch. Wer aus lauter Liebe zur Natur - sprich negativer Liebe zum bergsteigenden Vater - die Gipfel, Leistung beweisend, in Rekordzeit hochhetzt, kann die himmlische Erfahrung des Naturerlebnisses ganz oben nicht wirklich erleben. Ich liebe die Berge, aber den nächsten, so entsschliesse ich mich, besteige ich ganz und gar aus freiem Willen, um mir einen Gefallen zu tun - und danke meinem Vater, der mir die Berge gezeigt hat. Zugegeben - ich hatte eine schwierige (und rebellische!) Beziehung zu meinen Eltern. Als ich nun aber aus wirklichem Mitgefühl (nicht Mitleid!) mit Vater und Mutter haltlos schluchzend zum ersten Mal in meinem Leben ihr Leid beweinen kann und mit den Tränen jeder Rest von Ablehnung und Abhängigkeit fortgespült wird, geschieht das eigentliche Mysterium. Denn die Versöhnung ist zugleich eine mit mir selbst.
Mein emotionales Selbst, das erst ein hässlicher Zwerg ohne Gesicht war, trägt an diesem Tag die Züge von mir als Zwölfjährigem in glücklichen Tagen. Zaghaft, aber freundlich nähert es sich dem spirituellen Selbst, vor dem es zu Anfang des Prozesses Todesangst hatte - verständlich, es musste ja sterben, um wirklich zu leben. Mein intellektuelles Selbst, das meinem spirituellen Selbst gegenüber anfangs kalt und abweisend war, blickt offen und klar. Und die beiden einst recht bösartigen Vertreter der negativen Dualität schliessen einen Friedensvertrag, in dem sie geloben, dem Wohl des Ganzen zu dienen und den Körper nicht mehr als Schlachtfeld für ihren unheiligen Krieg zu benutzen. Ergebnis: der Verlust von Rückenschmerzen und Müdigkeit bei der Arbeit.
Der Kelch der Liebe, auf dem eine dicke Schicht von Angst, Schmerz, Schuld, Wut und Rachsucht schwamm (ein Bild von Hoffman), darf überfliessen. Und ganz unerwartet geht mir auf: Natürlich geht es um meine Beziehung zu meinen Eltern, die mich auf diese Welt gebracht und das mögliche Mass der Öffnung der Pforten meiner Wahrnehmung bestimmt haben. Aber jetzt, da diese Pforten bis zum Anschlag aufgestossen sind, entfaltet sich ein nie zuvor gesehenes Kaleidoskop des Lebens vor meinem inneren Auge. Und so steht am Ende des Prozesses die schon erwähnte Vermählung von emotionalem, intellektuellem und spirituellem Selbst im Licht sowie die Vereinigung dieser Dreiheit mit dem Körper zur Quadrinität. Dabei ist das Kind zum erwachsenen emotionalen Selbst herangereift, das die kindischen negativen Verhaltensweisen ablegen kann und sich weiter der kindlichen, kreativen und spielerischen erfreuen darf.
Die Dämonen sind ausgetrieben, doch die Arbeit geht weiter - und zwar selbstverantwortlich, ohne Therapeut! Dafür bekommen wir einen ganzen Kasten voller Werkzeug mit. Wann immer ein noch nicht erkanntes Muster auftaucht, können wir es ganz privat in einem Miniprozess bearbeiten. Und die erkannten lassen sich mit Hilfe des sogenannten ?Recycling? in positive Verhaltensmuster verwandeln.
Es gibt keinen Weg zurück, und das ist gut so. Wer sich nach diesem Prozess auf der Suche nach Selbsterkenntnis weiter die Hacken abläuft, der wollte nie laufen lernen - meine ich. Hermann Hesse meinte sicherlich nicht den Hoffman Prozess, als er Pablo zu Steppenwolf sagen liess: ?Licht ? Du musst nur aus deinem eigenen Schatten heraustreten, dann erblickst du es.? Aber er könnte recht haben.